Dienstag, 13. Mai 2014

Gedankengang zum Buch "Die Leiden des jungen Werther" - Johann Wolfgang Goethe

Zitat aus dem Briefe vom 8. August


"Nur eins, mein Bester, in der Welt ist's sehr selten mit dem Entweder Oder gethan, es giebt so viel Schattirungen der Empfindungen und Handlungsweisen, als Abfälle* zwischen einer Habichts- und Stumpfnase."

*Abstufungen  
Seite 45, Zeile 23


Es gibt immer und für alles einen goldenen Mittelweg, zu viele Möglichkeiten, selten nur ein Ja oder Nein. Oft überdenke ich Handlungen oder Dinge zig mal und weiss nicht, was richtig und was falsch ist. Selbst wenn ich mal zu einem Schluss komme, denke ich mir, dass dessen Bewertung sowieso von der Wahrnehmung jedes einzelnen abhängig ist. Wichtig ist trotzdem, dass es einem gelingt sich zu entscheiden. Mir scheint, je mehr Zeit man sich nimmt, desto verrückter macht man sich selber.

Starke Anziehung zu einer Person, bedingt nicht, dass man sich auch physisch immer in ihrer Nähe aufhält. Vor allem, wenn Gefühle unterdrückt gehören, weil die Liebe unmöglich zu erwidern ist. Es fällt mir schwer, mich in Werthers Lage hinein zu versetzen. Sein Herz wurde zertrümmert. Für ihn gibt es weder "Entweder" noch "Oder". Sein einziger Ausweg war es, sich das Leben zu nehmen. Für die Liebe zu sterben? Ich weiss ja nicht. Lotte kann doch nichts dafür, dass er sich in sie verliebt hat. Seinen Freitod finde ich ziemlich egoistisch. Auch wenn jemand so verzweifelt wie er ist, sollte man doch trotzdem nicht aufgeben. So alt war er nun auch wieder nicht. Bei Menschen, die nur noch leiden müssen, weil sie an einer schlimmen Diagnose wie Krebs oder Parkinson leiden, bei ihnen verstehe ich, wenn sie nicht mehr wollen. Man könnte argumentieren, dass eine Depression, auch eine schlimme psychische Krankheit ist. Aber sie ist heilbar. Von Parkinson betroffene fallen ihrem Umfeld sehr zur Last. Meine Grosstante Elisabeth ist letzte Woche von uns gegangen. Ich kannte sie nicht besonders gut, sie war für mich immer als "Zältlifrau" bekannt, da sie wo immer wir sie als Kinder antrafen, jedes Mal ihre Büchse mit Bonbons dabei hatte. In der Rolle eines näheren Angehörigen wäre ich froh, sie jetzt an einem "besseren Ort" zu wissen. Sie wurde 87 Jahre alt, glücklich verheiratet. Elisabeths Krankheit machte sie so schwach, dass sie nicht mehr weiter leben konnte. Bei ihrem Tod waren die engsten Verwandten anwesend. Ich stelle es mir schöner vor, so zu sterben, als durch eine Kugel, wie Werther. Wie geht es Lotte und Albert wohl jetzt? Nagt an ihr nicht das schlechte Gewissen, die Befürchtung, den falschen Mann geheiratet zu haben? Eine schwere Frage, die zu jener Zeit vermutlich schwer zu beantworten war.

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